Sicher stehen: Eine Anleitung zu Stand und Gewichtsverteilung
Matthias Brandt
5 Minuten Lesezeit
Wie Sie in wenigen Schritten Ihren Stand prüfen, das Gewicht ruhig verteilen und so vor Publikum aufrecht wirken, ohne starr zu werden. Eine Übungsfolge für zu Hause.
Warum der Stand vor der Stimme kommt
Wer vor Publikum spricht, spürt meist zuerst die Stimme, die Hände oder den Puls. Dabei beginnt die Wirkung weiter unten, bei den Füßen. Ein unsicherer Stand überträgt sich auf Atmung, Blick und Tempo, noch bevor der erste Satz gesprochen ist. In meinen Einheiten sehe ich das immer wieder: Menschen mit hervorragenden Inhalten verlagern ihr Gewicht von Bein zu Bein und wundern sich, warum der Saal unruhig wird.
Diese Anleitung ist der erste Teil unserer Arbeit an Haltung und Ausrichtung. Sie brauchen dafür keine Vorkenntnisse, nur etwa zehn Minuten, einen Spiegel und Schuhe mit flacher Sohle. Das Ziel ist kein steifes Strammstehen, sondern ein Stand, den Sie nicht mehr bewusst halten müssen, weil er trägt. Dann bleibt Ihre Aufmerksamkeit bei den Zuhörern.
Schritt eins: den eigenen Stand lesen
Stellen Sie sich barfuß oder in Strümpfen hin, die Füße etwa hüftbreit, die Arme hängen. Schließen Sie die Augen für eine halbe Minute und beobachten Sie nur. Wo spüren Sie den Druck unter den Füßen: eher vorn bei den Zehen, eher hinten in den Fersen, links stärker als rechts? Die meisten Menschen stehen unbemerkt schief und halten sich dabei mit angespannten Waden oder Knien aufrecht.
Öffnen Sie dann die Augen und betrachten Sie sich im Spiegel, ohne zu korrigieren. Sind die Schultern auf gleicher Höhe? Hängt der Kopf nach vorn? Sind die Knie durchgedrückt? Notieren Sie zwei, drei Beobachtungen auf einem Zettel. Diese Bestandsaufnahme ist wertvoller als jede sofortige Verbesserung, weil Sie nur ändern können, was Sie zuvor wahrgenommen haben.
- Füße hüftbreit, Arme locker hängend
- Druck unter den Fußsohlen zuerst nur beobachten
- Zwei bis drei Auffälligkeiten schriftlich festhalten
Schritt zwei: das Gewicht ruhig verteilen
Verlagern Sie nun langsam das Gewicht nach vorn, bis Sie die Zehen deutlich spüren, dann nach hinten zu den Fersen. Pendeln Sie dabei immer kleiner, bis Sie eine Mitte finden, in der beide Füße gleichmäßig belastet sind: etwa ein Drittel auf dem Ballen, zwei Drittel auf Ferse und Außenkante. Die Knie bleiben weich, nicht gebeugt, nur nicht verriegelt.
Prüfen Sie, ob Sie in dieser Position ohne Mühe atmen können. Wenn der Bauch frei nachgibt, stimmt die Ausrichtung meist. Spüren Sie dagegen Druck im Brustkorb, stehen Sie vermutlich zu weit hinten oder haben die Schultern hochgezogen. Wiederholen Sie das Pendeln zwei- bis dreimal. Mit der Zeit finden Sie diese Mitte in wenigen Sekunden, auch auf einer unbekannten Bühne.
- Weiche Knie statt durchgedrückter Gelenke
- Gewicht gleichmäßig auf beide Füße
- Freie Bauchatmung als Kontrolle
Schritt drei: Ausrichtung von unten nach oben
Aus dem sicheren Stand richten Sie nun den Körper Stück für Stück auf. Das Becken bleibt neutral, weder nach vorn gekippt noch eingezogen. Stellen Sie sich vor, die Wirbelsäule würde sich sanft verlängern, ohne dass Sie das Kinn heben. Die Schultern sinken zur Seite, das Brustbein bleibt offen, der Kopf sitzt ruhig auf dem obersten Wirbel.
Ein häufiger Fehler ist das Zurückziehen der Schulterblätter mit Kraft. Das wirkt militärisch und blockiert die Atmung. Lassen Sie stattdessen die Arme schwer werden und die Schultergelenke von allein in die Breite sinken. Prüfen Sie im Spiegel, ob Ohr, Schulter und Hüfte ungefähr auf einer Linie liegen. Wenn ja, wirken Sie aufrecht, ohne es zu zeigen.
- Becken neutral, Wirbelsäule lang
- Schultern sinken lassen, nicht zurückziehen
- Ohr, Schulter und Hüfte in einer Linie
Schritt vier: Bewegung aus dem Stand heraus
Ein guter Stand zeigt sich erst, wenn Sie sich bewegen. Gehen Sie zwei Schritte nach vorn, bleiben Sie stehen und prüfen Sie, ob Sie die Mitte sofort wiederfinden. Viele Redner laufen unruhig hin und her, weil sie den Stand nicht halten können. Gehen Sie bewusst: Wenn Sie sich bewegen, dann mit einem Ziel, etwa zu einer anderen Seite des Publikums, und kommen dort in Ruhe an.
Üben Sie dies als kleine Folge: stehen, einen Gedanken sprechen, drei Schritte gehen, wieder stehen, den nächsten Gedanken sprechen. So verbinden Sie Körper und Inhalt. Die Pausen im Gehen werden zu natürlichen Satzpausen, und Ihr Auftritt gewinnt Ruhe, ohne dass Sie sie eigens inszenieren müssten. Filmen Sie sich dabei kurz mit dem Telefon und sehen Sie die Aufnahme ohne Ton an.
- Bewegung nur mit klarem Ziel im Raum
- Nach jedem Schritt die Mitte wiederfinden
- Kurze Aufnahme ohne Ton ansehen
Üben im Alltag und vor dem Auftritt
Der Stand lässt sich überall trainieren: an der Haltestelle, beim Zähneputzen, am Stehpult. Prüfen Sie mehrmals am Tag kurz, wie Ihr Gewicht verteilt ist. Je häufiger Sie das tun, desto weniger müssen Sie am Auftrittstag darüber nachdenken. Fünf Durchgänge der gesamten Folge pro Woche genügen, um nach etwa drei Wochen eine spürbare Veränderung zu bemerken.
Vor einem Auftritt reicht eine Kurzfassung: Füße platzieren, einmal pendeln, Mitte finden, ausatmen, loslassen. Das dauert weniger als eine Minute und lässt sich hinter dem Vorhang oder am Rand der Bühne unbemerkt ausführen. In unseren Gruppen im Studio vertiefen wir diese Folge mit Rückmeldung zu Ihrer persönlichen Haltung, doch der Grundstock gelingt Ihnen auch allein.
Ein ruhiger Stand ist keine Pose, sondern eine Gewohnheit, die Sie sich in kleinen Schritten aneignen. Lesen Sie Ihren Stand, finden Sie die Mitte, richten Sie sich von unten nach oben auf und prüfen Sie die Bewegung. Bleiben Sie in diesen Wochen geduldig mit sich: Die Wirkung vor Publikum folgt dem, was Ihr Körper als selbstverständlich erlebt.